Übersetzer aus Osteuropa besuchten als Stipendiaten das Kulturforum östliches Europa

Jan Kixmüller
Jan Kixmüller
513
Übersetzer aus Osteuropa besuchten als Stipendiaten das Kulturforum östliches Europa
Potsdamer Neueste Nachrichten, 06.09.2003
Gedankenaustausch: Hanna Nogossek vom Kulturforum (3.v.l.) traf unter anderem mit Urška P. Černe (4.v.l.) und Ljawon Barsceuski (r.) zusammen. Foto

Potsdamer Neueste Nachrichten, 06.09.2003

Auf welche Reaktion stößt das Engagement des Deutschen Kulturforums östliches Europa in den Ländern, in denen es den Spuren der deutschen Geschichte nachgeht? Auf Skepsis und Ängsten vor Revanchismus oder vielleicht doch eher auf Interesse an einer gemeinsamen Vergangenheit? Nach einem weitschweifenden Gespräch in großer Runde mit Stipendiaten aus dem östlichen Europa wurde vergangene Woche im Potsdamer Kulturforum deutlich, dass das neue deutsche Interesse an der Vergangenheit eher auf offene Ohren stößt.

Allerdings dürfte das mittlerweile in Deutschland gebrochene Tabu, im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg auch über die Vertreibung der Deutschen im Osten offen zu sprechen, im östlichen Europa auf einige Überraschung stoßen. Urška P. Černe aus Ljubljana beispielsweise übersetzt gerade Günther Grass' Im Krebsgang vom Deutschen ins Slowenische. Sie ist sich sicher, dass die Lektüre eine Herausforderung für die Leser in dem kleinen Land zwischen Österreich, Ungarn und Kroatien sein wird. »Niemand bei uns sieht die Deutschen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg auch als Opfer«, sagt die junge Slowenin, die mit fünf anderen Übersetzerinnen und Übersetzern aus Osteuropa für eine Woche als Stipendiaten des Kulturforums und des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) in Deutschland zu Gast war.

Zur Sensibilität mahnte in diesem Zusammenhang die Direktorin des Kulturforums Hanna Nogossek. Man müsse beachten, was es bewirke, wenn Deutschland nun ein Lamento über die Vertreibung nach 1945 anstoße. »Wir dürfen uns nun nicht voll Selbstmitleid als alleinige Leidtragende betrachten«, gab Hanna Nogossek zu bedenken. Dass der Blick zurück alte Gräben wieder aufreißt, befürchtet die Slowenin Urška P. Černe allerdings kaum. Sie sieht vielmehr eine neue Qualität des Zusammenlebens, etwa Deutsche und Italiener, die nun zum Arbeiten nach Slowenien kommen. Oder auch – nach Jahren des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien – ein zaghaftes Aufeinanderzugehen, zumindest auf kulturellem Gebiet.

Slowenien als Teil der ehemaligen K.u.K.-Monarchie, heute noch ein Schmelztiegel von österreichischen, ungarischen, italienischen und natürlich slowenischen Einflüssen, wo noch eine kleine deutsche Minderheit lebt (die Gottscheer), und wo in Maribor (ehemals Marburg an der Drau) wöchentlich eine evangelische Messe auf Deutsch gehalten wird, dort ist die Beschäftigung mit deutschen Spuren durchaus ein Thema. Zumal man sich hier eher dem Norden als dem Balkan zugehörig fühlt. Ähnliches kann die estnische Übersetzerin Hedi Mägar berichten. In der Reihe Livländische Romane erscheinen nun Bücher von deutschstämmigen Autoren, die aus dem östlichen Europa stammen, etwa Siegfried Lenz. Auch versuche man, die Zeugnisse der deutschen Vergangenheit zu erhalten. Hedi Mägar berichtet von einem ehemaligen deutschen Gutshof der noch komplett erhalten ist, und nun Stück für Stück renoviert wird. Allerdings brauche man dazu auch finanzielle Hilfe aus dem Ausland.

Aus dem Rahmen fielen schließlich die Schilderungen des weißrussischen Übersetzers Ljawon Barsceuski aus Minsk. Wie seine Kollegen hat auch er deutsche Klassiker – Goethe, Brecht, Böll und andere – in seine Heimatsprache übersetzt. Auch von kulturellen Verbindungen zu Deutschland, etwa den weißrussischen Schulen die unter deutscher Besatzung im Ersten Weltkrieg eröffnet wurden, konnte er berichten. Heute hingegen sind diese Schulen in seiner Heimat Belarus in ihrer Existenz bedroht. Präsident Alexander Lukaschenko, der seit Jahren das letzte autoritäre Regime in Europa aufrecht erhält, hat nicht viel für weißrussische Sprache und Kultur übrig. Zumal sich die von ihm bekämpfte Opposition in das nationale Lager zurückgezogen hat. Barsceuski umschreibt die Lage recht galant: »Bei uns gibt es einige Probleme mit der Demokratie«. Und die Lage verschärfe sich derzeit.

Seit Lukaschenkos Amtsantritt ist der Anteil der weißrussischen Schulen im Land von 70 Prozent (1992) auf heute rund 27 Prozent zurückgegangen, berichtet der Übersetzer. Die Verfassung wurde geändert, der Präsident setze nun selbst die Rektoren der Hochschulen ein, die dort das Belorussische eingrenzen. Private Verlage und regierungsunabhängige Organisationen wurden geschlossen, Journalisten in ihre Arbeit behindert und inhaftiert. Viele Oppositionelle leben mittlerweile im Ausland.

Ljawon Barsceuski arbeitet momentan an der Übersetzung einer Historiographie von Rainer Lindner zur Nationbildung und Geschichtspolitik in Weißrussland. »Umso wichtiger, als dass die Regierung unlängst ein Schulbuch herausgebracht hat, das die Geschichte ins Phantastische verzerrt, Weißrussland hat demnach nie existiertet«, merkt der Übersetzer trocken an. Barsceuski ist aber nicht nur als Übersetzer tätig. Mit Kollegen hat er vor einigen Jahren ein weißrussisches Lyzeum gegründet, in dem die Schüler als Fremdsprache neben Russische sogar Japanisch lernen können. Seit 1997 versuchen die Behörden die Privatschule zu schließen. In diesem Jahr folgte der nächste Angriff, ein Beschluss des Ministerrates, die Schule zu dicht zu machen. Die Sache werde nun vor Gericht gebracht. Doch da macht sich Barsceuski kaum Hoffnungen, da die Gerichte dem Präsidenten unterstellt seien. Die Schüler weigern sich nun an eine gewöhnliche Schule zu gehen, ab sofort werde das Lyzeum als fliegende Schule weitergeführt.

Neben 82 Prozent Weißrussen leben in Belarus 12 Prozent Russen, 4,5 Prozent Polen und 2,5 Prozent Ukrainer. Von der großen Mehrheit der Weißrussen sprechen allerdings nur noch 37 Prozent die weißrussische Sprache. »Nach 300 Jahren russischer Bevormundung kein Wunder«, so Barsceuski. Heute ist Weißrussisch, das sich in Vokabular, Aussprache und Grammatik teilweise deutlich vom Russischen unterscheidet, keine Dorfsprache mehr. Vielmehr sprechen die Intellektuellen Weißrussisch, sicher auch als bewusste Abgrenzung zu Lukaschenko. Für Europa sind die Demokratiedefizite in Belarus bislang fernes Geplänkel. Doch mit der EU-Osterweiterung im kommenden Jahr dürfte man der Situation größere Aufmerksamkeit schenken: Denn damit rückt das Land an die Ostgrenze der Union.

Folgende Veranstaltungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Ausstellungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Publikationen könnten Sie auch interessieren:

      • Seitenanfang