Ursula Karusseit blickt im Potsdamer Filmmuseum zurück auf ihre Vertreibung aus Ostpreußen

Lars Grote
Lars Grote
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Ursula Karusseit blickt im Potsdamer Filmmuseum zurück auf ihre Vertreibung aus Ostpreußen
Märkische Allgemeine Zeitung • 17.09.2011

Märkische Allgemeine Zeitung • 17.09.2011

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der märkischen allgemeinen zeitung und des Autors.

Ursula Karusseits Haare leuchten in frischem Kupfer, doch sie ist gekommen, um eine alte Geschichte zu erzählen. Als Schauspielerin hat sie nahezu alles erlebt, nahezu alles erreicht, heute wohnt sie in Senzig bei Königs Wusterhausen – doch im Potsdamer Filmmuseum hat sie am Donnerstag ihre biografischen Wurzeln als Vertriebene freigelegt: Wie das damals war, als sie, noch keine sechs Jahre alt, aus Elbing (heute das polnische Elblag, bis 1920 zählte es zu Westpreußen, fortan, bis Kriegsende, zu Ostpreußen) floh, vor der nahenden Sowjetarmee. »Ich war seither drei Mal dort, um meinen Geburtsort zu besuchen, doch ich muss sagen, ich habe keine Heimatgefühle. Ich war zu jung, als wir fortgegangen sind, es konnten sich keine Emotionen entwickeln.« Bei einem Gastspiel in Danzig ist sie erstmals nach Elblag gefahren, sie suchte die Straße ihres Elternhauses und konnte sich noch an die Kaserne in der Nachbarschaft erinnern. Daran wollte sie sich orientieren. Der Busfahrer, mit dem sie nach Danzig kam, mahnte sie jedoch: »Fragen Sie keinen Polen nach der alten deutschen Kaserne!«

Mit am Podiumstisch saß Michael Schwartz, Historiker an der Universität Münster, er hat lange zum Thema »Vertriebene in der DDR« geforscht. Vier bis fünf Millionen Flüchtlinge und Zwangsumgesiedelte, die ab 1945 in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands beziehungsweise die spätere DDR gelangten, stießen – ähnlich wie in Westdeutschland – auf eine fremdenfeindliche und um materielle Ressourcen wie Land oder Mobiliar konkurrierende Gesellschaft. Schwartz resümiert, »Vertriebene kamen vor allem in ländliche Gegenden, die Leute dort waren nicht aufgeschlossen gegenüber Fremden, verstärkt wurde diese Tendenz zuvor durch die NS-Ideologie. Manche Behörden klagten bei Aufnahme der Vertriebenen: Wir haben vor allem Sozialballast bekommen. Nur Frauen und Kinder. Keine Männer, die arbeiten könnten.«

Ähnlich hatte es Ursula Karusseit erlebt. »In Güterwagons, später auch mit Personenzügen, fuhr unsere Familie 1945 nach Parchim. Niemand wollte uns aufnehmen, wir waren sechs Personen, den meisten war das zu viel. Meine Mutter saß an der Straße und weinte, doch dann kam eine Bäuerin. Sie hat uns ein Zimmer im Gutshaus zugewiesen, dort sollten wir uns vor den Sowjets verstecken. Meine Mutter hat diese Frau später noch, als wir in Thüringen lebten, mitunter besucht, die beiden entwickelten ein ausgezeichnetes Verhältnis. Als meiner Mutter damals, in Parchim, konkret drohte, von sowjetischen Soldaten vergewaltigt zu werden, sind Leute aus dem Ort sofort dazwischengegangen. Später wurde die Bäuerin enteignet, man schlug ihren Hof einer LPG zu.«

Ihre Erfahrungen als Flüchtlingskind konnte Ursula Karusseit 1968 in der vielbeachteten DDR-Fernsehproduktion wege übers land schauspielerisch aufarbeiten – nunmehr in der Rolle einer Mutter, die eben den Weg aus Ostpreußen in die spätere DDR gegangen ist. »Ja«, sagt sie, »es gibt in dieser Filmfigur viele Parallelen zur Biografie meiner Mutter.« In der Serie spielten neben Karusseit auch Armin Mueller-Stahl, Manfred Krug und Angelica Domröse, schauspielerisch waren diese Filme glänzend besetzt; ideologisch freilich gab es politische Tendenzen, denn die DDR-Führung hatte, wie Michael Schwartz ausführte, ein Interesse, auf verlorene deutsche, mittlerweile polnische Gebiete, »nicht wehmütig zurückzuschauen«. Das hätte als Revanchismus gegolten.

Für unaufrichtig hält Schwartz im Film die Auslegung, spätere Umsiedler hätten den polnischen Bauern ihre Höfe zunächst unrechtmäßig geraubt, die Vertreibung »der Diebe« habe somit einen legitimen Kern. Für DDR-Verhältnisse sei diese Produktion dennoch in Teilen ungewöhnlich »wahrhaftig«, sagte Schwartz, denn das Leid im Kleinen, etwa die Quartiersuche der Vertriebenen, sei durchaus authentisch dargestellt. Gerade dieser neue, nicht mehr alles beschönigende DDR-Ton, welcher sich zum selben Thema auch in Christa Wolfs Roman kindheitsmuster wiederfinde, machte die Fernsehserie nach Meinung von Ursula Karusseit zum »richtigen Film zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten«.

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