Rezension | Johannes Urzidil: Hinternational. Ein Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider

Antje Rößler
Antje Rößler
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Rezension | Johannes Urzidil: Hinternational. Ein Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider
Märkische Allgemeine Zeitung • 27.08.2011

Märkische Allgemeine Zeitung • 27.08.2011

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der märkischen allgemeinen zeitung.

Johannes Urzidil nannte sich selbst »hinternational«. Eine Wortschöpfung, die im Böhmen der Vorkriegszeit jedermann verstanden haben dürfte. Das alltägliche interkulturelle Hin und Her jener Gesellschaft erfuhr Urzidil am eigenen Leib: 1896 wurde er in Prag als Sohn eines Deutschböhmen und einer tschechischen, zum Katholizismus konvertierten Jüdin geboren. Der Katholik Urzidil heiratete später selbst eine Jüdin.

Dieses tolerante Milieu dürfte seinen Anteil daran gehabt haben, dass Prag um die Jahrhundertwende als eines der wichtigsten europäischen Literaturzentren galt. Vor allem dem »Prager Kreis« um Franz Kafka und Max Brod verdankte sich dieser Ruf. Auch Urzidil wurde Mitglied dieses Vereins.

Heute kennt kaum noch jemand den zu Lebzeiten gefeierten Schriftsteller. Umso verdienstvoller ist nun die kleine Werkauswahl, die Vera Schneider und Klaus Johann zusammengestellt haben. Sie planen eine Neuedition von Urzidils Werken in zehn Bänden. Aber auch auf diesen 370 Seiten ist es ihnen gelungen, die atemberaubende Vielseitigkeit dieses Schriftstellers, Journalisten und Kunsthistorikers darzustellen.

Den Auftakt macht eine Art Lebenslauf des Dichters, in dem Daten und Fakten jedoch die geringste Rolle spielen. Vielmehr eröffnen autobiografische Äußerungen, Schilderungen von Zeitgenossen und Fotos ein zeitgeschichtliches Panorama um den Künstler, der mit Kafka befreundet war, als Diplomat und Reporter arbeitete und als »Nichtarier« nach dem Einmarsch deutscher Truppen ins amerikanische Exil getrieben wurde.

Populär wurden Urzidils große literaturhistorische Schrift goethe in böhmen und sein prager triptychon, fünf Erzählungen, die wie ein mittelalterliches Altarbild gefügt sind. Eigenwillige Montagetechniken finden sich auch in seinem einzigen Roman as große halleluja. Urzidil schrieb zudem anfangs vom Expressionismus geprägte, später klassizistisch schlichte Gedichte. Sein feiner Witz offenbart sich vor allem in den autobiografischen Schriften. Etwa wenn Urzidil berichtet, wie ihn sein Vater, ein Eisenbahnverwaltungsbeamter, anhand der Betriebszeitschrift bahn frei das Lesen lehrte. Zahlreiche Landschaftsschilderungen offenbaren den Naturfreund. So befasste sich Urzidil im britischen Exil mit einem poetischen Vergleich des böhmischen und des englischen Waldes.

Eine Begegnung mit dem Klang seines Prager Deutsch, den gesungenen Vokalen und prägnanten Konsonanten, ermöglicht die dem Buch beigelegte CD.

  • Kafkas Weggefährte

    Der Originalartikel in der Online-Ausgabe der märkischen allgemeinen zeitung

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