04.06.2004

Berliner Überlegungen zum Verhältnis von Deutschen und Ungarn unter europäischen Perspektiven

Wilhelm Droste
Wilhelm Droste
Berliner Überlegungen zum Verhältnis von Deutschen und Ungarn unter europäischen Perspektiven
Am 13. Mai 2004 fand auf Initiative des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Berlin eine Podiumsdiskussion zu den Perspektiven des deutsch-ungarischen Verhältnisses statt, in der sich herausstellte, wie überaus schwierig es ist, von sehr unterschiedlichen Lebensverflechtungen aus über dieses verwirrend vielschichtige Thema in ein wirkliches Gespräch zu kommen.
Fünfkirchen (Pécs): Vasváry-Haus. Das Haus gehörte der 1688 von Kaiser Leopold I. geadelten Eisenhändlerfamilie Treiber, die ihren Namen später zu Vasváry magyarisierte. Nach der Übersiedelung der Familie nach Fünfkirchen im Jahre 1867 begann man 1870 mit

Am 13. Mai 2004 fand auf Initiative des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Berlin eine Podiumsdiskussion zu den Perspektiven des deutsch-ungarischen Verhältnisses statt, in der sich herausstellte, wie überaus schwierig es ist, von sehr unterschiedlichen Lebensverflechtungen aus über dieses verwirrend vielschichtige Thema in ein wirkliches Gespräch zu kommen.

Ein junger, nachbohrender Historiker (Krisztián Ungváry) sieht völlig andere Dinge als ein amtierender ungarischer Botschafter (Sándor Peisch), eine Ungarndeutsche, die ein Deutsches Zentrum im südungarischen Baja aufgebaut hat und leitet (Elisabeth Knab), hat ganz andere Freuden und Ängste als ein in jungen Jahren vertriebener Ungardeutscher, der später in der DDR der ungarischen Literatur, vor allem auch der Lyrik, übersetzend und lehrend wunderbare Türen ins Deutsche geöffnet hat (Paul Kárpáti). Da kann ein Moderator (Andreas Oplatka) durch Herkunft und journalistische Erfahrung noch so geschult sein im Zuspitzen und Hervorlocken von Wahrheit, es bleibt ein Gespräch am Rande des Turmes von Babel: Verstehen wird hier zur reinen Glückssache. Doch bei aller Unmöglichkeit eines Dialoges, auch der Monolog ist kein Garant für Aufklärung, man müsste so unendlich viel erzählen, die Dinge bleiben verwirrt. Europa, das ist in meiner Biographie zunächst nicht viel mehr als ein Schimpfwort. Die mächtigsten Staaten Europas schlossen sich ab 1958 zur EWG, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, zusammen, um noch mächtiger zu werden und konkurrenzfähig zu sein gegenüber der Supermacht Amerika. Es ging um Kapitalvermehrung, Markteroberung, um das Fließen von Geldern und Waren, das Blühen der Geschäfte und hatte mit Traditionsbewusstsein und kulturellem Willen herzlich wenig zu tun. Das konnte einem Kind der bundesdeutschen Revolte 1968 natürlich nicht gefallen und nur verdächtig sein.

Vergangene europäische Momente

Europa hat für mich erst mit den vielfältigen Entdeckungen in Ungarn einen positiven Sinn bekommen. Als ich ab 1973 als zwanzigjähriger Student von Marburg und später von Hamburg aus Ungarn als Wahlheimat für mich entdeckte, da trieb mich vor allem die Euphorie, ein überschaubares Stück Erde mit einer Vielzahl von Leuten gefunden zu haben, die seelisch nicht mit beiden Beinen auf dem Boden der Realitäten lebten, wie es für die Menschen in meinem Wirtschaftswunderdeutschland so überaus typisch war, sondern in den merkwürdigsten Himmeln von buntesten Vorstellungen, Träumen, Fantasien und Utopien, die so üppig gedeihen und wachsen konnten auf der Basis eines langweiligen, aber die Grundbedürfnisse durchaus befriedigenden Staatssozialismus, der dazu noch liberal (oder schwach) genug war, die Leute reden zu lassen, wie ihnen der Schnabel gewachsen war oder eben wuchs. Ein merkwürdig unwirkliches Gebilde war diese Volksrepublik Ungarn, denn alle wussten alles besser und durften darüber reden, hitzig bis in die tiefe Nacht, bei Einhaltung gewisser Spielregeln, die keiner wirklich ernst nahm und die dennoch irgendwie funktionierten. Geredet wurde über alles, über Liebe und Schönheit, über Bettgeschichten und Alkohol, über Fußball und Geld, über die Russen und die Deutschen, und immer wieder auch über die großen Fragen der Politik, in den Schnapsspelunken kleiner Dörfer, die sich draußen auf dem Ladenschild als Eszpresszó tarnten, nicht weniger als auf den ewigen Partys der Oppositionellen in der Hauptstadt, am Strand des Balaton wie in jedem Taxi, auf Schritt und Tritt. Und es gab keine Scheu, den Fremden einzubeziehen in das leidenschaftliche Palavern. Im Gegenteil. Alle waren neugierig auf den Blick des Außenstehenden. In Windeseile wurde integriert, was nur zu integrieren war. Fehlten die Worte, dann sprachen die Hände. Ein Lächeln löste, was grammatisch nicht zu lösen war, dichter Zigarettenrauch und Alkohol wirkten elementar völkerverbindend. Das war gerade auch aufgrund der bescheidenen Möglichkeiten ein real existierendes Vergnügen, ungeheuer sympathisch und lustvoll, vor allem hatte es ansteckende Wirkung. Nicht der neutrale Boden mit dem schönem Wetter und dem lauem oder heilend heißen Wasser war es, der vor allem Budapest und den Balaton zu so wichtigen Begegnungsstätten für Westdeutsche und Ostdeutsche werden ließ, es war der spezifische Charme des kleinen Landes mit seinen großherzigen Bewohnern, der die Deutschen aus Ost und West derartig auftauen ließ, dass sie sich selbst häufig gar nicht wiedererkannten, so wunderbar, wie sie sich fühlten und gaben. So entstanden europäische Momente der schönsten Qualität. Annäherungen der unglaublichsten Art. Tabus wurden nicht verdrängt und in der Verdrängung weiter zementiert, sie wurden vielmehr spielerisch aufgebrochen und mit erstaunlicher Leichtigkeit zu Grabe getragen. Da redeten Leute miteinander, die sich im Netz ihrer Vorurteile sonst nie begegnet wären, mehr noch, manche begannen zu sprechen, die gewöhnlich gar nicht ansprechbar waren. So mancher Deutsche fährt heute noch an den Balaton, aus reiner Dankbarkeit für die Momente dieser wundersamen Erweckung, auch wenn das Wunder die ehemaligen Strände der Verständigung längst verlassen hat. Die ungarische Weitherzigkeit ist seitdem längst Geschichte geworden. Aus den freundlichen Einzelgängern im Niemandsland der Fantasie sind nervöse, überforderte und müde Europäer geworden, längst bevor der 1. Mai 2004 sie offiziell in den Bund der Erfolgreichen aufgenommen hat. Der Systemwechsel 1989 hat enorme Veränderungen in Gang gebracht, Konsum und Mobilität sind gewachsen, elegante Autos befahren in großen Massen die Straßen, deren Wert in keinem nachvollziehbaren Verhältnis zu den noch immer sehr niedrigen Einkommen steht, eigene Initiative vermag das persönliche wie das gesellschaftliche Leben in viel stärkerem Maße zu steuern und zu prägen, Politik ist demokratisch zu beeinflussen, persönliche Rechte sind geschützt, aber dennoch: Charakterlich haben die meisten Ungarn seit 1989 erheblich mehr gelitten als profitiert, verloren als gewonnen. Kaum einer kann sich den früher geradezu selbstverständlichen Luxus leisten, mit seinen Beinen nicht auf der Erde zu stehen, seinen Fantasien mehr zu glauben als seinem Arbeitgeber, der geistige Spielraum, in dem sich früher eigenwilligste Identität im Überfluss ausbilden ließ, ist geradezu völlig abhanden gekommen. Während Lebensversicherungen aus aller Herren Ländern Hochkonjunktur haben, ist die früher so imposant vitale und von Originalität geprägte psychische Lebensversicherung, die in den geistigen Spielräumen zu Hause war, massenhaft bankrott gegangen. Kaum einer hat noch einen Abstand zu dem, was er tut, die meisten wissen nicht mehr, was sie tun, ständig und häufig geradezu panisch getrieben von der zwingenden Notwendigkeit des nächsten Schritts, der längst schon nicht mehr der eigene ist, auch wenn es nach 1989 so aussah, dass jetzt endlich jeder machen kann, was er will. Frei und für jede Bewegung selbst verantwortlich. War Ungarn früher eine künstlich gebremste, diktatorisch notdürftig zusammengehaltene Gesellschaft des Stillstands, die als Teil des Ostblocks zu funktionieren hatte und nicht konnte, wie sie wollte, so prägt das Land heute eine vergleichsweise stabile Gesellschaft des Übergangs, allerdings chronisch schlecht gelaunt, weil eine gesamtgesellschaftliche Solidarität fehlt, die in Ungarm immer glänzend funktionierte, wenn es gegen große Feindbilder zu leben gilt. Verschworen gegen die Übermacht des Bösen sind sie nett zueinander, doch fehlt die Bedrohung von außen, dann bedroht plötzlich jeder jeden. Selten war eine ungarische Gesellschaft so in sich selbst zerstritten und in feindliche Lager gespalten wie heute. Es ist ein trauriger Moment, wenn magische Losungen der Befreiung von der Geschichte eingeholt und überholt werden, wenn plötzlich der profane Alltag ihre Zauberkraft anknabbert und bis auf die Knochen abnagt, am Ende ein totes Skelett zurücklassend, wo einmal ein lebendiges Wesen aus Fleisch und Blut war, das massenhaft begeistern und motivieren konnte, auch unter schwierigsten Bedingungen, für das kein Opfer zu groß und kein Mut zu verwegen schien, denn es zeigte ein entscheidendes Stück Himmel unter trostlosen Verhältnissen.

Günstiger Stern für bilaterale Beziehungen

Alle großen gesellschaftlichen Bewegungen hatten diese Zauberformeln, und alle mussten auch und gerade im Erfolgsfall erleben, wie aus dem Zauber von gestern schmerzhafte Ernüchterung von heute wurde. Aus der urchristlichen Gesellschaft der Liebenden wurde ein liebloses Herrschaftsinstrument. Aus den bürgerlichen Emanzipationsimpulsen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit erwuchsen sehr schnell neue Ungleichheit, Bruderzwist und Unfreiheit, aus dem kommunistischen Versprechen der Gewaltabschaffung entwickelten sich Monster willkürlichster Gewaltherrschaft, der amerikanische Traum gebiert regelmäßig seine Albträume. Unter sowjetischer Vorherrschaft klammerten sich die westlichen Staaten des Ostblocks an die Idee ihrer europäischen Mission, der Bezug auf Traditionen hatte emanzipatorischen Gehalt. Vor allem die Länder, die früher zur Donaumonarchie gehört hatten, verfügten bis in die Architektur ihrer Städte und in die Sprachkenntnisse hinein über Zeichen einer europäischen Kultur, die bei strikt konservativer Herrschaft Dinge erfolgreich versucht und gestaltet hat, von denen wir heute nur träumen: organische Verbindungen größter Vielfältigkeit. Das waren Glanzzeiten Europas, und so konnte das Wort Europa in diesem Raum so magisch positiv klingen, mit Erinnerungen überzeugen und geradezu utopisch inspirieren. Davon ist heute erschreckend wenig zu spüren, wenn es so dominant allein um die pragmatische Ausdehnung Europas geht. Und dennoch: politisch standen deutsch-ungarische Beziehungen selten unter einem so günstigen Stern. Roch es im 20. Jahrhundert immer nach Krieg, wenn das sich unrechtmäßig zurückgesetzt fühlende Deutschland mit dem sich um seine nationale Identität fürchtenden Ungarn inniglich verknüpfte, so geschieht die neue Verbindung in europäischer Verflechtung, nicht im fatalen Alleingang zu zweit. Deutschland kann friedlich alten Siedlungs- und Kulturraum neu entdecken, Ungarn seinen Trianon-Schock gewaltfrei kurieren. Beide Nationen neigen historisch zu Panik und Größenwahn, nicht selten tobten diese Charakterschwächen gleichzeitig. Europa ist das beste Medikament gegen diese chronische Anfälligkeit nationalen Sehvermögens, in Berlin nicht weniger als in Budapest. Endlich muss die Welt sich nicht mehr fürchten, wenn Ungarn und Deutsche Freundschaft probieren.

(Der Artikel ist am 26.05.2004 im Pester Lloyd erschienen. Die Zweitveröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors.)

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