24.04.2017

Ein Bericht vom Projekttag mit ungarndeutschen Autorinnen und Autoren im Valeria-Koch-Schulzentrum und von der Finissage der Ausstellung »Gestern – Heute – Morgen« im Lenau-Haus in Fünfkirchen/Pécs

Ein Bericht vom Projekttag mit ungarndeutschen Autorinnen und Autoren im Valeria-Koch-Schulzentrum und von der Finissage der Ausstellung »Gestern – Heute – Morgen« im Lenau-Haus in Fünfkirchen/Pécs
Ein Bericht vom Projekttag mit ungarndeutschen Autorinnen und Autoren im Valeria-Koch-Schulzentrum und von der Finissage der Ausstellung »Gestern – Heute – Morgen« im Lenau-Haus in Fünfkirchen/Pécs

Johann Schuth begrüßt die Gymnasialklassen der Valeria-Koch-Schule

Von Ute Lambrecht

Im März-Programm des Lenau-Hauses zu Fünfkirchen waren zwei Höhepunkte angekündigt, die das 25-jährige Bestehen des Verbandes Ungarndeutscher Autoren und Künstler (VUdAK) würdigen. Am 2. März fand die Vernissage mit einer Gemeinschaftsausstellung der VUdAK-Künstlersektion statt. Bereits diese Veranstaltung war ein großer Erfolg. Zur Finissage wurde eine Lesung geplant, für die sich viele Mitglieder der VUdAK-Literatursektion angemeldet hatten: Christina Arnold, Robert Becker, Koloman Brenner, Angela Korb, Alfred Manz, Josef Michaelis, Csilla Susi Szabó und Monika Szeifert. Schon diese Ankündigung versprach ein besonderes Erlebnis im Verbandsleben zu werden. Dabei blieb es aber nicht.

Die Tatsache, dass so viele Literaten in Fünfkirchen zu Gast sind, nahm eine engagierte Deutschlehrerin zum Anlass, eine Veranstaltung an ihrer Schule zu initiieren, die ihresgleichen sucht. Der Name der Initiatorin: Adrienn Szigriszt-Brambauer, der Ort des Geschehens: das Valeria- Koch-Schulzentrum in Fünfkirchen. Sie teilte ihre Idee Johann Schuth, dem 1. Vorsitzenden des VUdAK, mit, der nahm den Vorschlag sofort auf und bestärkte sie in ihrem Vorhaben. Am 23. März fand schließlich dieses Ereignis, von dem alle Beteiligten unisono sagen, es sei etwas Einmaliges gewesen, statt.

Schüler-Workshop mit Csilla Susi Szabó

Was machte diese Begegnung zu einem Fest der Superlative? Dazu sollte man zum besseren Verständnis wissen, dass für den Deutschlehrer, der an ungarndeutschen Bildungseinrichtungen tätig ist, nur wenig Material zur Verfügung steht, das ihm bei der Aufbereitung der zu behandelnden Lesestoffe ungarndeutscher Autoren helfen könnte. Da liegt es nahe, dass man bei der Planung der Finissage auf die gute Idee kommt, Deutschlehrer und Autoren zusammenzuführen: nicht nur zu einem freundlichen Gespräch im Anschluss an eine Lesung, sondern zur gemeinsamen Arbeit in einem Workshop.

»Oh«, sagte eine Kollegin, »das macht solchen Spaß. Wenn ich daran denke, wie lange ich allein im stillen Kämmerlein über so einem Text grüble!«

Die Vorbereitung des Workshops wurde zum kollektiven Anliegen aller Deutschlehrer der Bildungseinrichtung unter Einbeziehung der Kollegen des Leőwey-Gymnasiums. Es wurden bereits im Vorfeld Arbeitsgruppen gebildet, die jeweils einen Schriftsteller in ihre Mitte baten, um mit ihm Handreichungen zur Arbeit mit dessen literarischen Werk zu erarbeiten. Das Ergebnis hielten die Mitglieder der jeweiligen Gruppe vor den Werkstattgesprächen bereits in den Händen. Es wurde eine Fülle an Möglichkeiten angeboten; aus diesem Pool kann der Lehrer »herausfischen«, was er für seine konkrete Klassensituation braucht.

Adrienn Szigriszt-Brambauer und Koloman Brenner im Workshopgespräch

Alle Phasen eines zielgerichteten, modernen Literaturunterrichts fanden Berücksichtigung, alle Arbeitsformen eines effektiven, aber auch behutsamen Umgangs mit dem konkreten literarischen Werk waren einbezogen. Weiterführende, anspruchsvolle Aufgaben wurden formuliert. Gleichzeitig ging die Aufforderung an die Gruppen, Texte der eigenen Wahl einzubringen, um den dann mit »ihrem« Autor zu diskutieren und didaktisch aufzubereiten.

Dieser Teil des Projekttages erhielt seine theoretische Basis durch die fundierten Ausführungen von Dr. habil. András F. Balogh vom Lehrstuhl für deutschspachige Literaturen am Germanistischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität Budapest. Er referierte über Epochen und Generationen, Brüche und Kontinuitäten in der ungarndeutschen Literatur.

Auf diese Weise gründlich vorbereitet ging es an die konkrete Arbeit. Aber was heißt hier Arbeit? Es wurde das reinste Vergnügen, mit einer Gruppe Gleichgesinnter im Beisein des Autors den jeweiligen Text für den Unterricht aufzubereiten. Es ging nicht in erster Linie darum, jede Aufgabenstellung präzise zu formulieren, sondern die Intentionen und Deutungsmöglichkeiten aufzudecken, die dem jeweiligen literarischen Werk innewohnen. Die Praktiker unter uns waren glücklich über den Ideenaustausch, die Autoren staunten, was man mit ihren Texten alles machen kann, ohne sie zu zerpflücken. Einmal die Kugel angestoßen, rollte sie ohne Unterlass. Die Ideen von 25 Teilnehmern purzelten nur so. »Oh«, sagte eine Kollegin, »das macht solchen Spaß. Wenn ich daran denke, wie lange ich allein im stillen Kämmerlein über so einem Text grüble!«

Mit Angela Korb wählten wir die Methode des Vergleichs, um zur Aussage zu gelangen. Koloman Brenner empfahl einen anderen Text. Warum? Weil er mittlerweile eine andere Haltung zu seinem vor vielen Jahren geschriebenen Gedicht hat und er es möglicherweise heute ganz anders oder gar nicht mehr schreiben würde. Die vielen unterschiedlichen Aspekte waren allemal eine Diskussion wert – sowohl unter den Schriftstellerkollegen als auch zwischen den Autoren und ihren Rezipienten.

Adrienn Szigriszt–Brambauer wird nun die Ergebnisse der Workshop-Gespräche zusammen mit ihren Kollegen sichten und dann allen Beteiligten als Basis für die eigene Arbeit im Unterricht zukommen lassen. Damit wird eine Unterrichtshilfe entwickelt, die allen Fachlehrern für ungarndeutsche Literatur von Nutzen sein kann. Es wäre phantastisch, wenn dieser Projekttag landesweit an ungarndeutschen Bildungseinrichtungen Nachahmer fände.

Finissage-Gäste im Lenau-Haus

GESTERN – HEUTE – MORGEN. Die zeitlichen Dimensionen der im Lenau-Haus gezeigten Ausstellung treffen nicht nur für das Werk der VUdAK-Künstler zu, sondern auch auf das hier beschriebene Projekt. Die dritte Größe im Literaturunterricht sind die Schüler, der wichtigste Partner im Unterrichtsgeschehen – und ihnen gehört die Zukunft. Am 23. März blieben sie nicht außen vor. Nach einem ausgeklügelten System wechselten entweder die Klassen oder die Autoren den Raum. Auf diese Weise wurde allen Schülern der Klassenstufen 7 bis 12 die Möglichkeit eingeräumt, ihren Dichter oder ihre Dichterin hautnah zu erleben. Es war deutlich zu spüren, dass alle Kollegen ihre Klassen auf den Besuch vorbereitet hatten. Das war zu sehen an Fotos an den Wänden, aber auch zu spüren an der Aufmerksamkeit der Schüler und den Fragen, die sie stellten. Die Schüler wollten hauptsächlich wissen, welche Themen der jeweilige Schriftsteller wählt, wann und unter welchen Umständen er schreibt und warum überhaupt.

Auch die Autoren hatten sich gewissenhaft vorbereitet und erleichterten den Kindern und Jugendlichen durch eine anschauliche Präsentation das Verstehen. Christina Arnold hatte ihre Zettelsammlung mit Stichworten dabei, mittlerweile etwas lädiert, weil sie sie gewöhnlich griffbereit in der Jackentasche trägt. Sie erklärte den neugierigen Zuhörern nachvollziehbar, dass ein und dasselbe Thema an einem regnerischen, lustlos angegangenen Montag anders ausfällt als an einem sonnigen Freitag, der schon das freie Wochenende ahnen lässt. Csilla Susi Szabó stellte sich und ihre ausgewählten Werke mithilfe einer Powerpoint-Präsentation vor, bei der neben Fotos und biografischen Daten auch die Texte noch einmal zu sehen waren. Alfred Manz gelang es, die Schüler sofort mit einzubinden und ihr Interesse an den vorgetragenen Gedichten durch gezielte Fragen zu wecken.

Zur Erinnerung an diesen gelungenen Projekttag durfte sich jeder ein Kärtchen mit einem Zitat von Valeria Koch aussuchen. Auf meinem steht:

»Die Literatur
ist verdichtete Welt.
Ist daher
die Welt
ein schmales Stück
Poesie?«

Direkt im Anschluss fand die Finissage der Gemeinschaftsausstellung der VUdAK-Künstlersektion im Lenau-Haus statt, zu der die AutorInnen der Literatursektion für eine Lesung erwartet wurden. Volles Haus und gerade noch ausreichender Tisch für die Autoren!

Begrüßung im Lenau-Haus durch Dr. Ingeborg Szöllösi

Nach den Begrüßungsworten von Johann Schuth ergriff eine Teilnehmerin des Projekttages das Wort. Sie war als Gast in der Teilnehmerliste geführt, hatte jedoch aktiv bei der Projektarbeit mitgewirkt. Es handelt sich um Frau Dr. Ingeborg Szöllösi, die als Südosteuropa-Referentin des Deutschen Kulturforums östliches Europa (Sitz in Potsdam) sich in Fünfkirchen aufhielt. Sie ließ ihre vorbereitete Rede Rede sein und berichtete dem anwesenden Publikum von ihren Eindrücken des Projekttages. Sie schwärmte in den höchsten Tönen von dem unmittelbar Erlebten und lobte die Organisatoren für die gelungene Veranstaltung. Ihre Begeisterung war geradezu ansteckend und übertrug sich auch auf die Autoren. Auffallend war, dass sich unsere Literatursektion sehr jugendlich präsentierte – was das Alter und auch was die Auswahl der Werke betraf. Selbst die Frauenquote stimmte. Die vorgetragenen Texte boten eine große Bandbreite und fanden große Zustimmung beim Publikum.

Kinderchor der Valeria-Koch-Schule

Ihr wart allesamt gut, meine lieben Autoren, aber ihr hattet insofern Pech, dass euch kleine Prinzessinnen die Show stahlen. Der Kinderchor des Valeria-Koch-Schulzentrums unter der bewährten Leitung von Edit Halmi präsentierte sich beeindruckend stark. Mit ihren glockenreinen Stimmen, mit ihrem kecken Auftreten sangen sie eine Reihe von Liedern auf Deutsch ohne jegliches Text- bzw. Notenblatt. Dabei war auch das deutsche Volkslied: Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus … Ja, zum Städtele hinaus mussten am Ende dieses ereignisreichen Tages auch unsere Gäste. Hoffentlich wisst ihr noch, wie der Text weitergeht, liebe Freunde. »Wenn i komm, wenn i komm, wenn i wiederum komm, kehr i ein …« Ja, wo ist egal. Ihr sollt wissen, dass ihr jederzeit willkommen seid bei uns in Fünfkirchen – ganz gleich, ob im Lenau-Haus oder im Valeria-Koch-Schulzentrum.

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