17.04.2008

Am 7. März 2008 lud das Collegium Carolinum zum 12. Münchner Bohemisten-Treffen

Vera Schneider, 17.04.2008
Vera Schneider, 17.04.2008
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Am 7. März 2008 lud das Collegium Carolinum zum 12. Münchner Bohemisten-Treffen
Am 7. März 2008 lud das Collegium Carolinum zum 12. Münchner Bohemisten-Treffen

Der erste Freitag im März sollte ein festes Datum im Kalender sein, wenn man sich beruflich oder aus privater Neigung mit der Geschichte der böhmischen Länder befasst. Denn seit 1997 findet an diesem Tag alljährlich das Münchner Bohemistentreffen statt. Es wurde vom Collegium Carolinum e. V. als eine Informationsbörse für alle diejenigen konzipiert, die sich einen Überblick über aktuelle Forschungsvorhaben zu böhmisch-mährischen, slowakischen, tschechischen und deutschböhmischen Themen verschaffen möchten. Dieses Forum für den Aufbau und die Pflege von Fach- und interdisziplinären Kontakten ist mittlerweile ein oft kopiertes Format, wie der Institutsleiter Martin Schulze Wessel in seiner Begrüßungsansprache nicht ohne Stolz konstatierte; so haben das Ungarische Institut in München und das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt mittlerweile ähnliche Veranstaltungsreihen ins Leben gerufen.

Austausch zwischen den Generationen: Der Nestor der Prager Germanistik, Prof. Dr. Kurt Krolop, im Gespräch mit Isabelle Hardt (links) und Bettina Hofmann-Käs (rechts). 2. v. l.: Christiane Brenner, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Collegium Carolinum.

Das Original erfreut sich nach mehr als einem Jahrzehnt ungebrochener Beliebtheit: Der etwa 130 Plätze fassende Adalbert-Stifter-Saal in der Münchner Hochstraße 8 war fast voll besetzt, die 106 angemeldeten Teilnehmer/innen kamen aus Deutschland, aus der Tschechischen und der Slowakischen Republik und aus Österreich. Sie alle verbindet ein historisches Interesse, das in der Gegenwart wirkt und in die Zukunft weist: Der stellvertretende Generalkonsul der Tschechischen Republik in München, Ivo Losman, hob in seinem Grußwort die Vorbildfunktion der im Saal Versammelten für die deutsch-tschechische Wiederannäherung hervor.

Das Podium der ersten Sektion: Bernd Kesselgruber, Bettina Hofmann-Käs und Isabelle Hardt, Dr. Martin Zückert (Geschäftsführer des Collegium Carolinum), Theresa Langer und Miloslav Man (v. l. n. r.).
Beispielseite aus dem Sudetendeutschen Wörterbuch.

Martin Zückert führte anschließend in die erste Sektion des Vormittags ein, die sich dem Themenkreis »Sprache und Unterricht« widmete. Den Auftakt bildete der Vortrag von Bernd Kesselgruber, Isabelle Hardt und Bettina Hofmann-Käs, dem Bearbeiterteam des Sudetendeutschen Wörterbuchs, über Geschichte, Konzept und Zielsetzungen dieses philologischen Großprojekts. Begründet haben es in der 1930er Jahren Ernst Schwarz und Erich Gierach mit einer bis heute verschollenen Sammlung zu einem Wörterbuch der sudetendeutschen Mundarten an der Prager Karls-Universität. Ihr Ziel war damals, gegen die Ausgrenzung der Dialekte aus der Lexikologie vorzugehen. Der erste Band des Sammelwerks erschien 1988; 2017 soll der achte und voraussichtlich letzte Band die Edition komplettieren. Die Grundlage der Arbeit bildet ein Zettel-Archiv mit zirka 2,7 Millionen alphabetisch geordneten Belegen, 182.000 Synonymenverweisen und 16.500 Arbeitskarten. Dafür wurden 650 Gewährsleute mit hundert umfangreichen, bebilderten Fragelisten konfrontiert.

Bettina Hofmann-Käs erläutert eine Beispielseite des Sudetendeutschen Wörterbuchs.

Durch die Unterteilung des Sprachraums in kleinere Einheiten – bis hin zu Gerichtsbezirken - konnte dabei die facettenreiche Sprachlandschaft präzise erfasst werden. Das Ergebnis dieser Arbeit wurde dem Münchener Publikum anhand einer Beispielseite aus dem Sudetendeutschen Wörterbuch vorgestellt, auf der mundartliche Lautung, umgangssprachliche Verwendung und übertragene Bedeutungen des Wortes »Verstand« detailliert beschrieben werden.

Nach einer Diskussion, die sich mit arbeitsmethodischen Fragen wie etwa dem Dokumentieren der Lautung ohne den Einsatz von Audioaufnahmen beschäftigte, stellten Theresa Langer und Miloslav Man (Passau) Online-Module für grenzüberschreitenden Geschichtsunterricht vor. Unter www.onlinemodule.eu finden Schüler/innen und Lehrer/innen auf einer komplett zweisprachigen Website didaktisch ansprechende Materialien zur deutsch-tschechischen Vergangenheit – derzeit mit den Themen Zlatá stezka | Goldener Steig, Železná opona | »Eiserner Vorhang« und Nucené vysídlení | Zwangsaussiedlung. Das Projekt wird gefördert von der Universität Passau und der Europäischen Union und richtet sich vor allem an Schüler/innen und Lehrer/innen in der Grenzregion Bayerischer Wald/Böhmerwald. Anknüpfend an ihre Affinität zum Internet, sollen die jungen Menschen diesseits und jenseits der Grenze durch dieses Angebot angeregt werden, ihren Wohnort als Teil einer größeren Region zu verstehen.

In der zweiten Sektion des Vormittags, die Raum für Kurzinformationen von Einrichtungen und Organisationen bot und von Christiane Brenner moderiert wurde, stellte Klaus Johann (Münster) die Aussiger Beiträge – Germanistische Schriftenreihe aus Forschung und Lehre vor, ein seit 2007 erscheinendes internationales Forum für germanistische Studien mit sowohl wissenschaftlichen als auch lehrpraktischen Bezügen im Bereich der Literatur, Linguistik, Didaktik und Kulturgeschichte. Erscheinungsort ist das nordböhmische Ústí nad Labem, an dessen Universität 1990 ein mittlerweile international renommierter Lehrstuhl für Germanistik gegründet wurde.

Der letzte Programmpunkt des Vormittags stand im Zeichen der schon aus den Vorjahren bekannten Kurzvorstellungen aktueller Forschungsvorhaben. Ihre Exposés wurden im Vorfeld beim Collegium Carolinum eingereicht und von den anwesenden Forschenden selbst präsentiert; die Moderation lag auch hier bei Christiane Brenner. Die 37 Exposés kamen aus Deutschland, der Tschechischen Republik, Österreich und Ungarn und boten ein breites Themen- und Methodenspektrum – von einer historiographischen Bestandsaufnahme zur Königsaaler Chronik über gendertheoretische Studien zur tschechischen Sprachentwicklung bis hin zur Vorstellung des Digitalen Forums Mittel- und Osteuropa.

Nach der Mittagspause führte Jana Osterkamp in die dritte Sektion des Tages ein, die Forschungsvorhaben zur Ersten Tschechoslowakischen Republik gewidmet war. Als erster Referent stellte Thomas Oellermann (Düsseldorf) sein Dissertationsprojekt sozialdemokratisch geprägtes deutsches arbeitermilieu in der ersten tschechoslowakischen republik vor. Oellermann erinnerte eingangs an die staatsbejahende Rolle der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in der Zwischenkriegszeit. Die Dissertation will der Frage nachgehen, welche Überzeugungen, welche Lebensvorstellungen und welche Kulturformen ein Milieu prägten, das gegen die Versprechungen der Sudetendeutschen Partei resistent war. Die aktuelle Forschungslage umreißend, konstatierte Oellermann das Fehlen einer Gesamtdarstellung dieses Milieus; als widerständig erwiesen sich bislang die regionale Inhomogenität und die internen Konflikte. Ein Herunterbrechen auf die lokale Ebene soll hier Abhilfe schaffen: Exemplarisch will Oellermann das nordböhmische Bodenbach betrachten. Im Fokus der geplanten Innenansicht steht das Wirken der Kultur- und Freizeitverbände als Orte, an denen Werte entstehen sollen; eine wichtige Frage wird die nach dem Durchdringungsvermögen dieses erzieherischen Anspruchs sein.

Diskutiert wurde im Anschluss an das Referat die Frage nach den sinnstiftenden Faktoren für ein Milieu; das Plenum mahnte außerdem an, dass bei der Betrachtung der vertretenen Überzeugungen zwischen den Funktionären und der Basis zu unterscheiden sei.

Als zweiter Referent des Nachmittags stellte Armin Krahl (Berlin) seine Magisterarbeit Nationale Schande oder rationale Chance? Die Regionalpresse Westböhmens und die Wahrnehmung des beginnenden Regierungsaktivismus 1926 vor. Der Regierungsaktivismus wurde vor allem vom Bund der Landwirte und von der Deutschen Christlichsozialen Volkspartei getragen und wollte durch aktive politische Mitarbeit innerhalb der tschechoslowakischen Republik die schrittweise Veränderung der deutschen Position mit dem Ziel einer Autonomie im Staat erreichen. Im Mittelpunkt von Krahls Interesse steht nun die Bewertung dieser Haltung in der Regionalpresse, wobei er davon ausgeht, dass Zeitungstexte eine Form von Realitätskonstruktion mit gesellschaftlicher Wirkung darstellen. Die regionalen Presse ist – so Krahl – prädestiniert für eine solche Untersuchung, denn ihre meinungsbildende Wirkung an den Stammtischen und in den Familien Böhmens übertraf die der Prager Blätter, die als »stark jüdisch beeinflusst« galten. Krahl konzentriert sich dabei auf Westböhmen, weil dort über 25 Zeitungen erschienen. Als erstes Ergebnis der noch laufenden Untersuchungen konstatiert er eine anti-aktivistische Grundstimmung: Von den meisten Blättern wurde die geplante deutsche Beteiligung an der Regierung als nationaler Verrat bewertet; moderater wurden diese Töne in den liberalen Blättern erst nach erfolgtem Regierungsbeitritt.

Die anschließende Diskussion widmete sich den Selektionskriterien für die Quellenbasis, der Zitierpraxis von Kommentaren aus tschechischen Zeitungen und den teilweise nicht mehr zu klärenden politischen Hintergründen einzelner Journalisten.

Das Forschungsprojekt von Birgit Lange schlägt eine Brücke zwischen Sozialwissenschaft und Kunstgeschichte.

Die vierte Sektion des Treffens befasste sich mit zwei Forschungsvorhaben zur Kunstgeschichte; die Moderation übernahm Robert Luft. Zunächst präsentierte Birgit Lange (Haidershofen/Leipzig) ihr Dissertationsprojekt Korporatives Mäzenatentum in Böhmen im 19. Jahrhundert: Strategien sozialer und politischer Standortbestimmung. Sie geht darin von der These Gary B. Cohens aus, dass die Nationalisierung der böhmischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über das öffentliche Leben erfolgte – bei gleichzeitiger Nähe der Nationen im privaten Bereich. Hierbei spielten die Identifikationsangebote der zahlreichen Vereine eine tragende Rolle. Zwei von ihnen stellt Lange einander gegenüber: den in den 1830er Jahren gegründeten »Kunstverein für Böhmen«, der von landespatriotisch orientierten böhmischen Adeligen dominiert wurde, und den Verein »Umělecká Beseda« (tsch. »Künstlerkreis«), der 1863 ins Leben gerufen wurde, um eine spezifisch tschechische Kunst zu fördern. Bei der Analyse der Struktur und der Aktivitäten beider Vereine bedient sich Lange sowohl sozialwissenschaftlicher als auch kunsthistorischer Methoden. Ihre bisherigen Ergebnisse zeigen den »Kunstverein« als eine sowohl in der Kunstauffassung als auch politisch konservative und zudem undemokratisch aufgebaute Institution, die sich jedoch einer nationalen Positionierung weitgehend entzog. Die »Umělecká Beseda«, in der die Künstler ein weitaus größeres Mitspracherecht besaßen, sah ihr Hauptziel hingegen in der Forcierung der nationalen Idee; in der Beurteilung von Kunst, bei Ausstellungs- und Ankaufentscheidungen spielten politische Erwägungen eine tragende Rolle, was zu einer Favorisierung der slawischen Volkskunst führte.

Das Plenum wies in der anschließenden Diskussion noch auf die Notwendigkeit hin, bei der Beurteilung der Vereinstätigkeiten eine Trennung zwischen der kulturellen und der politischen Ebene vorzunehmen.

Auch der letzte Vortrag des Tages widmete sich den politischen Implikationen von Kunst und Kunstbetrachtung: Alena Janátková (Berlin) berichtete aus der Werkstatt des DFG-Forschungsprojekts »Kunsthistoriographien im gesellschaftspolitischen Umbruch: Kunstgeschichte in Böhmen und Mähren 1930 bis 1950«. Dieses Projekt befasst sich mit der Rolle der Wissenschaftsdisziplin Kunstgeschichte unter verschiedenen gesellschaftspolitischen Vorzeichen. Der Untersuchungszeitraum ist für dieses Vorhaben besonders ergiebig, weil die Zweisprachigkeit und Zweigleisigkeit von Forschung und Wissenschaft, die für die böhmischen Länder kennzeichnend ist, immer wieder von den Folgen staatspolitischer Einschnitte und Neuorientierungen überlagert wurde. So führte die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren 1939 zur Schließung der tschechischen Universitäten; nach dem Potsdamer Abkommen 1945 wurden sie wiedereröffnet, dafür aber die deutschen Universitäten geschlossen. Im Fokus des DFG-Forschungsprojekts stehen die institutionelle Organisation der Disziplin Kunstgeschichte, die Inhalte und methodischen Grundlagen der Kunsthistoriographien sowie deren gesellschaftspolitische Funktion.

Prof. Dr. Martin Schulze-Wessel (links), 1. Vorsitzender des Collegium Carolinum e. V., im Gespräch mit dem Prager Journalisten Peter Brod (rechts).

Der angeregte Disput im Anschluss an das Referat entzündete sich unter anderem an der kontroversen Bewertung der Person Karl Maria Swobodas, eines Professors für Kunstgeschichte an der Prager deutschen Universität, der zur Protektoratszeit die Aufsicht über die Nationalgalerie innehatte.

Raum für eine informelle Fortsetzung dieser und anderer Diskussionen bot der schon zur guten Tradition gewordene Ausklang des Bohemistentreffens im Hofbräukeller am Wiener Platz.

www.collegium-carolinum.de
Das Programm des Bohemistentreffens und die eingereichten Exposés können auf den Internetseiten des Collegium Carolinum heruntergeladen werden

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