10.06.2013

Rede zur Präsentation der Sonderbriefmarke »100. Geburtstag Joseph Schmidt« am 24. März 2004 im Jüdischen Gemeindezentrum Berlin

Hans Eichel
Hans Eichel
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Rede zur Präsentation der Sonderbriefmarke »100. Geburtstag Joseph Schmidt« am 24. März 2004 im Jüdischen Gemeindezentrum Berlin
Hans Eichel lässt das Leben des am 4. März 1904 geborenen jüdischen Sängers Joseph Schmidt Revue passieren und ruft dazu auf, sein Andenken zu wahren und sich beständig gegen Rassenhass und Diskriminierung von Minderheiten zu engagieren.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Sehr geehrter Herr Albert Meyer,
sehr geehrter Herr Avi Schmidt,
Ihre Exzellenz der Botschafter der Republik Rumänien, Herr Vieriţa,
Ihre Exzellenz der Botschafter der Republik Österreich, Dr. Prosl,
Ihre Exzellenz der Botschafter der Schweiz, Herr Dr. Baumann,
Ihre Exzellenz der Botschafter von Bosnien und Herzegowina, Herr Despotov´ic,
der Geschäftsträger der Botschaft der Ukraine, Herr Dr. Baltazhy,
den Gesandten der Botschaft des Staates Israel Herrn Lewy,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich möchte mich bei den vielen hervorragenden Persönlichkeiten entschuldigen, die ich nicht persönlich begrüßen kann. Die illustre Schar von Gästen zeigt mir, dass Joseph Schmidt im Gedächtnis so vieler bewahrt wurde, dass sein Werk und die Werte, für die seine Kunst steht, wirklich lebendig sind.

Joseph Schmidt hat unzähligen Menschen mit seinen Liedern viel Freude gemacht. Körperlich eher klein war er einer der großen Tenöre der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Er war, um es mit heutigen Worten zu sagen, ein Superstar.

Doch wie so viele wurde Joseph Schmidt Opfer des Rassenwahns und des Vernichtungswillen des Nationalsozialismus. Es ist deshalb überfällig, dass wir Joseph Schmidt ehren und mit ihm all die Künstler, die der Nationalsozialismus außer Landes trieb und die vielen, die in der Verfolgung starben!

Lebenslauf

Meine Damen und Herren,

Joseph Schmidt war seine Karriere als Tenor nicht in die Wiege gelegt. Am 4. März 1904 wurde er in Davideny in der Bukowina geboren. Seine Eltern bewirtschafteten dort als Pächter einen kleinen Bauernhof. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges zog die Familie nach Czernowitz.

Als Kind orthodoxer Juden sang Joseph Schmidt im Synagogenchor. Er beherrschte den Synagogengesang bald mit all seinen kunstvollen Verzierungen. Mit 14 wurde er Tempelsänger. Er arbeitete später als Kantor und war schon hier eine Berühmtheit. Dieser Aspekt seines künstlerischen Schaffens wird selten gewürdigt, stellt aber einen zentralen Teil der Persönlichkeit Schmidts dar! Es entspricht somit auch der Biographie Schmidts, wenn ein liturgischer Gesang die Veranstaltung musikalisch eröffnete! Ich möchte hier Herrn Kantor Isaac Sheffer für seinen beeindruckenden Vortrag herzlich danken!

Auch in Berlin hat Schmidt noch als Kantor gearbeitet. Darunter auch in der Synagoge hier in der Fasanenstraße, die in der Reichsprogrom­nacht 1938 in Brand gesetzt und verwüstet wurde und an deren Stelle heute das jüdische Gemeindezentrum steht. Wir sind also heute im Gedenken an Joseph Schmidt an einem Ort versammelt, wo er persönlich gewirkt hat. Dies gibt der Ehrung auch für mich einen besonderen Charakter.

Schmidt in Berlin

Meine Damen und Herren,

Schmidt kam 1925 nach Berlin, um ein Gesangsstudium zu beginnen. Doch viele glaubten, dass er aufgrund seiner Größe nur geringe Chancen auf der Bühne hat. Doch da half ein neues Medium seiner Karriere, der Rundfunk! Am 18. April 1929 – also vor fast genau 75 Jahren – erfolgte sein Rundfunkdebüt in Giacomo Meyerbeers Oper »Die Afrikanerin«. Er bewältigt die Rolle des Vasco de Gama, eine der heikelsten Partien für Tenöre, mit so großer Bravour, dass er den Durchbruch zur Popularität schafft.

Rundfunk und Schallplatte, nicht die Bühne garantieren auch in den nächsten Jahren seinen Erfolg! Über 40 Gesamteinspielungen von Opern für den Rundfunk in den Jahren 1929 bis 1933 zeigen dabei seinen enormen Fleiß. Vieles davon ist leider verloren gegangen, weil die Nationalsozialisten bald nach der Machtübernahme einen Großteil seiner Aufnahmen aus dem Archiv des Berliner Rundfunks entfernten!

Da seine erfolgreichen Musikfilme heute so dominant das Bild von Joseph Schmidt prägen, muss man hervorheben: Er sang zwar viele populäre Stücke, aber vor allem auch die Partien mit den allerhöchsten Schwierigkeitsgraden. Und er sang sie mit allen großen Sängerpersönlichkeiten seiner Zeit! Seine Dirigenten sind ebenfalls heute Legenden: Ich nenne nur Bruno Walter und Rudolf Hindemith!

Schmidt als Filmstar

Meine Damen und Herren!

Seinen absoluten Karrierehöhepunkt stellen aber zweifellos seine Filme dar. Der Tonfilm ermöglicht ihm hier einen kometenhaften Aufstieg! In »Ein Lied geht um die Welt« spielt er zum ersten Mal die Hauptrolle, den Riccardo. Die Geschichte ist ihm auf den Leib geschrieben. Der kleinwüchsige Sänger Rico wird für seine Stimme bewundert und setzt sich als Künstler durch. Aber in der Liebe hat der gut aussehende Freund, gespielt von Victor de Kowa, den Erfolg. Viele Menschen können sich in dieser Parabel über den Kampf um Anerkennung wieder erkennen. Auch dies macht die Popularität dieses Filmes aus.

Der Film wird am Jahreswechsel 1932/1933 gedreht. Er ist nach seiner Uraufführung am 9. Mai 1933 – wenige 100 Meter von hier entfernt im Zoopalast – ein großer Kassenschlager.

Aber es können keine weiteren Filme in Deutschland folgen. Denn durch die Machtergreifung Hitlers in Deutschland gibt es keine Zukunft mehr für Joseph Schmidt in Deutschland. Auch ihn trifft die Ausgrenzungs- und Verfolgungsmaschinerie des Nationalsozialismus!

Die Schikanen haben schon vor der Uraufführung angefangen. Der Film sollte ja ursprünglich »Der Sänger des Volkes« heißen. Und dies war ja auch ein passender Titel, denn Joseph Schmidt war ja genau das, ein Sänger des Volkes. Aber für die Nationalsozialisten durfte ein Jude kein Sänger des Volkes sein!

1937 wurde die Vorführung des Filmes sogar verboten; der Film würde die öffentliche Ordnung gefährden und verletze das nationalsozialistische Empfinden. Das Verbot wurde übrigens zusammen mit den berühmten Filmen »Die Drei von der Tankstelle« und »Der Kongress tanzt« ausgesprochen. Es zeigt den Versuch des Nationalsozialismus auch den kleinsten Hinweis auf jüdische Schauspieler von der Leinwand zu verbannen! Auch für einen Unterhaltungsfilm kann es jedenfalls kein größeres Adelsprädikat geben, als von den Nationalsozialisten verboten gewesen zu sein!

Emigration

Meine Damen und Herren,

Joseph Schmidt muss 1933 aus Deutschland fliehen und er wird in seinem Leben nicht mehr zur Ruhe kommen. Denn für die Zeit des Nationalsozialismus gilt, was ein anderer Großer aus Czernowitz, Paul Celan, schrieb: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Fast ganz Europa wurde durch den nationalsozialistischen Antisemitismus zu einem Ort der Erniedrigung und später der Vernichtung. Hier war ein Entrinnen kaum möglich!

Österreich wird Schmidts erste Exilstation. Hier kann er im deutschen Sprachraum noch weiter Filme drehen. Schmidt ist auch auf Konzerttourneen höchst erfolgreich. Sie führen ihn bis in die USA, wo er unter anderem in der Carnegie Hall singt, nach Großbritannien und nach Palästina. Aus dem Rückblick heraus betrachtet, gab es also viele Chancen sich zu retten. Doch Schmidt möchte in Europa bleiben, auch um seinen Verwandten nahe zu sein! Aus heutiger Sicht ein fataler Entschluss. Aber das drohende Unheil in seiner vollen Dimension war damals für die meisten Menschen einfach unvorstellbar!

Kurz vor dem Anschluss Österreichs verlässt Joseph Schmidt Wien. Belgien und die Niederlande werden die nächsten Stationen. Auch hier erringt Joseph Schmidt wieder außergewöhnliche Popularität. Doch auch diese Länder sind nicht sicher. 1940 besetzt Deutschland Belgien. Joseph Schmidt sitzt in Belgien wie in einem Gefängnis. Er weiß, er muss Belgien so schnell wie möglich verlassen. Er erhält zwar ein Ausreisevisum, aber es nutzt ihm nichts, denn ein generelles Ausreiseverbot wird erlassen.

Im November 1940 flieht Joseph Schmidt in den unbesetzten Teil Frankreichs. Auch hier ist sein Leben der reine Existenzkampf. Er unterliegt einem Auftrittsverbot. Aber noch gefährlicher, es wird immer deutlicher, das das Regime von Vichy auch bei der Verfolgung von Juden mit dem Dritten Reich kollaboriert.

Flucht aus Frankreich

Joseph Schmidt fühlt sich gerettet, als seine amerikanische Konzertagentur ihn ein Ausreisevisum für Kuba verschafft. Am 20. Dezember 1941 soll sein Schiff ablegen. Joseph Schmidt ist voller Euphorie. Doch nach der deutschen Kriegserklärung an die USA wird einen Tag vor der Abreise der gesamte zivile Schiffsverkehr nach Amerika eingestellt!

Nach dieser ungeheuren Enttäuschung verfällt Joseph Schmidt in eine tiefe Depression. Doch er weiß, Frankreich ist jetzt kein sicherer Ort mehr. Denn auch der Süden Frankreichs fällt nun in den Machtbereich der SS. Noch einmal erhält er zwar von dem Portugiesischen Konsul ein Transitvisum für Kuba. Doch in den Mühlen der Bürokratie wird dies abgelehnt und zugleich wird seine Aufenthaltserlaubnis für Nizza annulliert!

Dieses Gezerre zusammen mit der ständigen Furcht um sein Leben und die Unsicherheit über das Schicksal seiner Verwandten in Rumänien, zu denen kein Kontakt mehr möglich ist, zermürben Schmidt psychisch, aber auch immer mehr physisch!

Tod in der Schweiz

Zusammen mit Freunden gelingt ihm am 8. November 1942 mit letzter Kraft die Flucht in die Schweiz. Wieder glaubt er sich gerettet. Doch jetzt rächt sich der ständige Verfolgungsdruck.

Joseph Schmidt wird ins Internierungslager Girenbad bei Zürich eingewiesen. Dort klagt er über Schmerzen in der Brust. Doch die Ärzte erkennen nur eine Erkältung. Einige halten ihn nur für einen Simulanten. Man entlässt ihn in das Internierungslager, statt ihn in ein Krankenhaus einzuweisen.

Am 16. November 1942 unternimmt Joseph Schmidt eine Wanderung in eine nahe gelegenes Restaurant. Hier stirbt Joseph Schmidt an Herzversagen! Auf seinem Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Zürich steht der Anfang eines berühmten Titels von Joseph Schmidt »Ein Stern fällt«. Doch seine Stimme und sein Werk sind nicht in das Vergessen gefallen. Sie wird bleiben!

Würdigung

Meine Damen und Herren!

Für mich ist es deshalb ein erfreuliches Zeichen, dass neben der Sondermarke auch weitere Ehrungen für Joseph Schmidt zu seinem hundertsten Geburtstag erfolgt sind. Besonders wichtig ist es, die jungen Menschen zu begeistern. Deshalb ist es eine hervorragende Idee, die Musikschule Treptow-Köpenick hier in Berlin – dem Ort seiner größten Erfolge – nach Joseph Schmidt zu benennen.

Verpflichtung

Auch für jeden Einzelnen ist das Leben von Joseph Schmidt eine Mahnung. Es verlangt von uns, dass wir uns mit vollem Engagement für die Menschenwürde einsetzen. Hier bleibt sehr viel zu tun!

So zeigt das Schicksal von Joseph Schmidt, dass wir bei dem Umgang mit Flüchtlingen und politischen Verfolgten den Menschen nie aus den Augen verlieren dürfen. Es besteht hier immer die Gefahr, dass reiner Bürokratismus die Bedürfnisse des Einzelnen nicht mehr sieht.

Antisemitismus bekämpfen

Zudem gilt es weiterhin, den Kampf gegen den Antisemitismus fortzusetzen. Denn leider ist er auch heute noch immer virulent. Die hohen Sicherheits­bedürfnisse hier sind sichtbarer und spürbarer Beleg dafür!

Antisemitismus ist dabei der Lackmus-Test für die Offenheit einer Gesellschaft. Oft genug hat sich im Hass gegen Juden ja der Hass auf alles Moderne, auf die Freiheit und auf die Aufklärung versteckt.

Schmidts Leben spiegelt den Terror, die Menschenfeindlichkeit und den Verlust der Humanität seiner Zeit wider! Aber auch unsere Zeit muss sich entsprechenden Gefahren stellen.

Der 11. September 2001 steht für die Aktualität des menschenverachtenden Terrors. Danach folgten unzählige Anschläge, insbesondere das Attentat von Madrid. Aber ein Land, ein Volk ist seit Jahren immer wieder Ziel unmenschlicher Attentate geworden, Israel. Wir in Deutschland wissen das. Und deshalb muss Israel auch unsere besondere Solidarität gehören. Ein Ende der Gewalt ist dabei die unabdingbare Voraussetzung für eine Lösung des Nah-Ost-Konfliktes.

Aber auch vor Ort müssen wir gegen menschenverachtende Ideologien kämpfen. Ich möchte Ihnen versichern, dass wir nichtjüdischen Deutschen hier stets an Ihrer Seite stehen werden. Antisemitismus darf in der deutschen Gesellschaft keinen Platz erhalten. Dafür müssen wir alle eintreten!

Fazit

Meine Damen und Herren!

Das schwere Schicksal von Joseph Schmidt ermahnt uns, tatkräftig für die Freiheit und Menschenwürde aller einzutreten. Die Taubheit der Herzen muss immer wieder überwunden werden. Wir müssen offen bleiben für Klänge voller Menschlichkeit und Wärme!

Genau dies strahlt noch heute das Werk Joseph Schmidts aus. Er konnte mit seiner Sangeskunst auch einfachen Schlagern eine besondere Würde geben. Auch deshalb ist seine Musik noch heute, 62 Jahre nach seinem Tod, lebendig!

Ich möchte deshalb zum Abschluss einige Zeilen aus einem seiner großen Erfolge, aus seinem wohl populärsten Lied zitieren:

»Ein Lied geht um die Welt…
Und es wird nie verklingen,
man wird es ewig singen.
Flieht auch die Zeit.
Das Lied bleibt in Ewigkeit.«

Mögen wir in diesem Sinne das Andenken an Joseph Schmidt wahren und unserer Verpflichtung gerecht werden, uns beständig gegen Rassenhass und Diskriminierung von Minderheiten zu engagieren!

Übergabe der Alben

Meine Damen und Herren,

ich habe nun die große Ehre, die Sondermarke »100. Geburtstag von Joseph Schmidt« zu überreichen.

Im Roten Album erhält sie

Herrn Albert Meyer, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

für

Herrn Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Die weißen Alben mit der Sondermarke werde ich jetzt zusammen mit Herrn Albert Meyer übergeben.

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