Berichte von einer Exkursion mit 13 Studenten der Universität Frankfurt (Oder) am 23. Oktober 2009

Susanne Butz, Maksym Morin, Anna-Lena Nowicki, Margot Reis, Barry Wickenden und Urszula Wozniak
Susanne Butz, Maksym Morin, Anna-Lena Nowicki, Margot Reis, Barry Wickenden und Urszula Wozniak
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Berichte von einer Exkursion mit 13 Studenten der Universität Frankfurt (Oder) am 23. Oktober 2009
Berichte von einer Exkursion mit 13 Studenten der Universität Frankfurt (Oder) am 23. Oktober 2009
Blick auf die zwei wichtigsten früheren Erzeugnisse Zielona Góras: Weinberg und ehemalige Fabrik »Polnische Wolle« alle Fotos auf dieser Seite:
Der Rathausturm von Grünberg | Zielona Góra
Die Gruppe auf dem Weg zum Marschallamt und zum Museum von Zielona Góra
Neue Brücke im neu ausgebauten Hafenbezirk von Neusalz | Nowa Sól
Weinverköstigung im Dorf Stara Wieś, das man von Nowa Sól über die Oder erreichen kann

Die Exkursion war Teil der vom Deutschen Kulturforum östliches Europa durchgeführten Veranstaltungsreihe »Das Regionale als Alternative – 1989 als kulturelle Wende?«

Frankfurts polnische Nachbarregion, die Woiwodschaft Lubuskie, wurde 1999 administrativ eingerichtet. Diese Neugründung bezog sich auf verschiedene Traditionen. Bereits im Mittelalter gab es ein Lebuser Bistum. Neuzeitlich, bis 1945, gehörte diese Region zu Brandenburg. Und nach 1945 sprach man bezüglich dieser Region in Polen von »wiedergewonnenem Gebiet«.

Gleichzeitig markiert diese administrative Gründung eine Rückkehr des Regionalen nach dem Umbruch 1989. Die Woiwodschaftsverwaltung kreiert eine Marke Lubuskie – »natürlich modern«, und alte Traditionen aus deutscher Zeit wie Fähren auf der Oder sowie der Weinbau werden wiederbelebt.

Während der Exkursion wurde diese sich neu zusammensetzende Identität vor Ort, zum Teil in Kleingruppen, bei Treffen mit Fachleuten und Aktivisten erkundet. Die Gespräche wurden gedolmetscht.

Grünberg | Zielona Góra

Die erste Gruppe beschäftigte sich mit dem Thema:

Was ist Ziemia Lubuska? Historisch und heute.

Auf dem Programm stand ein Besuch des Museums des Lebuser Landes (Muzeum Ziemi Lubuskiej) sowie ein Treffen mit dem Museumsdirektor Dr. Andrzej Toczewski. Mit ihm sprachen Susanne Butz und Margot Reis:

»Der Name Lubuskie wird als etwas Übergestülptes empfunden«
Im Gespräch mit Dr. Andrzej Toczewski, Direktor des Museums des Lebuser Landes
von Susanne Butz und Margot Reis
Herr Toczewski, Historiker und Direktor des Museum Ziemi Lubuskiej in Zielona Góra, ehemals Grünberg, erwartete uns zusammen mit zwei Mitarbeitern des Museums. Er hatte unser Anliegen und unsere Fragen bereits erhalten. Ohne jedoch auf sie einzugehen, stellte er uns in einem chronologischen Überblick die Geschichte Grünbergs seit dem Mittelalter vor.« weiterlesen

Die zweite Gruppe befasste sich mit folgendem Thema:

Entstehung der Wojewodschaft Lubuskie 1999 und die Marke Lubuskie – »natürlich modern«

Zunächst stand ein Besuch des Marschallamtes (Urząd Marszałkowski) an, danach ein Treffen mit einem Mitarbeiter des Amtes, der für die Entwicklung der Marke lubuskie mitverantwortlich war. Darüber berichtet Urszula Wozniak:

Schwierigkeiten mit der Marke »Lubuskie«
Besuch beim Marschallamt in Grünberg | Zielona Góra
von Urszula Wozniak
»Historische Verweise bleiben bei der Ausgestaltung der Marke lubuskie vollkommen ausgeklammert, und dies hat viele Gründe: Zum einen interessieren sich sehr wenige der AnwohnerInnen – wenn überhaupt, dann erst seit relativ kurzer Zeit – für die Geschichte der Region, da die meisten BewohnerInnen Lubuskies als Zugezogene aus anderen Landesteilen Polens keine generationenumspannende familiäre Bindung an die Region haben. Zum anderen ist die Geschichte der Region mit ihren historischen Zugehörigkeiten zu Niederschlesien, Ostbrandenburg und zur Niederlausitz höchst komplex.« weiterlesen

Neusalz | Nowa Sól

Nach dem Austausch und einer Auswertung der Treffen in der ganzen Gruppe ging es nach einem Mittagessen und einem kurzen Stadtrundgang durch Grünberg | Zielona Góra weiter nach Neusalz | Nowa Sól. Gruppe № 1 hatte als Thema

Die »Entdeckung« der deutschen Geschichte der Region nach 1989

Dazu gehörte ein Besuch des Stadtmuseums (Muzeum Miejskie w Nowej Soli), verbunden mit einem Treffen mit dem Museumsdirektor Dr. Tomasz Andrzejewski. Hier der Bericht von Anna-Lena Nowicki und Barry Wickenden:

»Vor 1989 wurde die deutsche Geschichte der Region stark zensiert«
Heute aber gäbe es ein starkes Interesse | Im Gespräch mit Dr. Tomasz Andrzejewski, Direktor des Stadtmuseums in Neusalz | Nowa Sól
von Anna-Lena Nowicki und Barry Wickenden
[…] Wie sehen die Kontakte zwischen den jetzigen und den Vorkriegsbewohnern der Region aus? Kann man von einer Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Geschichte sprechen?
Dr. Tomasz Andrzejewski: In Nowa Sól gibt es starkes Interesse an der deutschen Geschichte des Gebiets. Dokumente und Artefakte werden regelmäßig zum Museum gebracht mit der Bitte um Erklärung und Einsicht. Allerdings hat es drei Generationen gebraucht, um so weit zu kommen. weiterlesen

Gruppe № 2 nahm sich des Themas

Alte Traditionen wiederbelebt: Schiffe und Fähren auf der Oder | Weinbau – Entwicklung des Tourismus

an. Dazu gingen die Teilnehmer in das Stadtamt und trafen sich in der Abteilung für europäische Integration (Urząd Miejski – Wydział Integracji Europejskiej i Promocji) mit deren Leiterin Frau Beata Kulczycka. Es berichtet Maksym Morin:

»Aus der Oder einen ›Fluss des Glücks‹ machen«

Gespräch mit Beata Kulczycka, Leiterin der Abteilung für europäische Integration im Stadtamt (Urząd Miejski - Wydział Integracji Europejskiej i Promocji), über regionale Identität, die Geschichte der Stadt Nowa Sól und Oderland-Projekte von Maksym Morin

[…] Die hiesigen StadtbewohnerInnen identifizieren sich stark mit dem ganzen Oderland-Gebiet und nicht bloß mit der Oder selbst. Der Fluss hat am Anfang eine negative Vorstellung in den Augen der Menschen gehabt. Daran ist das Hochwasser von 1997 schuld, das große Schäden in der Stadt und in der Umgebung verursachte. Die Idee, die Oder für den Tourismus zu erschließen, hat die Vorstellung über den »Fluss des Unglücks« geändert. Auf diese Weise könnte die Oder viele Vorteile mit sich bringen und zum »Fluss des Glücks« werden, so Beata Kulczycka. So entsteht also gerade die regionale »Oder-Identität“, die alle Städte im Oderland-Gebiet umfasst. In den Plänen der Stadt sind eine weitere Stärkung der Schifffahrt und der Ausbau des Hafens geplant.« weiterlesen

Nach den Treffen ging es in der Dämmerung auf eine Fahrt mit zwei kleinen Schiffen, die zum neuen Tourismuskonzept der Region gehören, auf der Oder nach Stara Wieś, wo bei einer Weinprobe samt Verkostung regionaler Produkte die beiden Treffen in Nowa Sól besprochen wurden.

Kooperationspartner

Organisatoren der Studienreise waren das Institut für angewandte Geschichte Frankfurt (Oder) in Kooperation mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Links

Das Regionale als Alternative – 1989 als kulturelle Wende
Veranstaltungsreihe zur Re-Regionalisierung von Kulturlandschaften, die historische oder aktuelle Bezüge zu deutscher Geschichte und Kultur haben

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